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  • AutorenbildSilke Büttner

Über das Kreisekritzeln

2017/09/21





Kreise sind Spuren von Bewegung

Wenn ich mich mit ausgestreckten Armen um mich selbst drehe, zeichnen meine Finger einen Kreis in die Luft. Ein Stein, der ins Wasser fällt, hinterlässt ganze Wellen von Kreisen. Ein Tropfen, der auf einer Tischplatte landet, verwandelt sich in einen kreisrunden Flecken. Die Drehung der Töpferscheibe, lässt runde Formen entstehen. Zylinder. Rotation erzeugt Kreise in dreidimensionaler Form: die Kugeln des Pillendrehers, die Seegrasbälle am Strand, den Schneeball, der zur Lawine werden kann. Planeten, Sonne und Mond sind rund. Ihre Drehung ließ eine Form entstehen, bei der jede Stelle der äußeren Gestalt den gleichen Abstand von einem einzigen Punkt in der Mitte hat.


Die Schwunglinien meiner Kreise sind Spuren der Bewegung meines Unterarms, der um den Ellbogen kreist. Es sind Aufzeichnungen von Gesten, so wie die übrigen Linien meiner Kritzeleien. Leise, geräuschvoll, heftig, freudig, kraftvoll, tastend, quietschend streife, kratze, schmiere, reibe ich mit Stift und Pinsel über das Blatt, die Leinwand. Jeder Stift, jeder Pinsel in seiner eigenen Tonlage, in seinem eigenen Rhythmus, verbindet sich mit der Musik, die ich beim Malen höre, bröselnd, ölig weich, schmierig, graphitspitz. Was auf dem Blatt bleibt, sind die Spuren meines flüchtigen, wenn auch oft beachtlichen körperlichen Einsatzes.


Das Motiv des Kreises bringt dabei allerdings zugleich eine Fülle an Bedeutungen mit ein, die beim Betrachten der Bilder immer mitschwingen. Der Kreis begegnet uns in unzähligen Dingen des Alltags und in der Natur: im Rad, dem Ring, im runden Ziffernblatt einer Uhr, der Null, der Schale, der Münze, der Zielscheibe, in Jahresringen, im Rauchkringel, im Blütenstand von Blumen, in der Iris des Auges, in Pilzen, in Luftblasen, in der Sonne und dem Mond. Auch Nester sind rund.

Viele sprachliche Wendungen bedienen sich seiner: sich im Kreis drehen, etwas einkreisen oder umkreisen, auf den Punkt bringen, zentrieren, der Kreis schließt sich, der Zirkelschluss, der Freundeskreis, der Arbeitskreis, die Runde, der Umkreis und der Landkreis, der Stuhlkreis, der Teufelskreis, der Kreislauf - ohne Anfang und Ende. Der Kreis ist auch ein hochgradig aufgeladenes Symbol: Als Ring, Heiligenschein und Yin- und Yangzeichen steht er für Ganzheit, Würde und Unendlichkeit. Er wird mit Zeit, dem Zeitlauf, mit Jahreszeiten verbunden. Er steht für Klarheit und Offenheit. Nichts kann sich darin in einer Ecke verstecken. Nicht zufällig heißt das Buch von Dave Egger über mögliche Folgen der Ausweitung des Einflusses von Online-Firmen The Circle. Der Kreis kann ein Versammlungsort sein, wie es schon die alten Steinkreise waren. Er kann ein Schutzkreis sein. Wenn man allerdings unfreiwillig eingekreist wird, kann er auch zur Gefahr werden, denn der Ausgang fehlt, wie z.B. beim Polizeikessel während einer Demo oder als in der Silvesternacht vor zwei Jahren am Kölner Hauptbahnhof Frauen eingekreist und angegriffen wurden.

Psychologisch gilt der Kreis oft als Zeichen der Individuation, mit dem Ich als Kreismittelpunkt. In der Kunstgeschichtsschreibung wurde der perfekte Kreis zum Zeichen für höchste Könnerschaft erkoren. Der Legende nach zeichneten Giotto und Dürer freihändig geometrisch perfekte Kreise, um ihre künstlerischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Als Null und als Enso symbolisiert er das Nichts, die Leere. Enso bedeutet auf Japanisch Kreis und ist ein Kalligraphiezeichen, das sehr eng mit dem Zen-Buddhismus verbunden wird. Der Enso wird klassischer Weise in einem Schwung ohne abzusetzen mit Tusche auf Seidenpapier gemalt. Er gilt als Ausdruck des Augenblicks. Eine Korrektur ist nicht möglich.


Für mich fallen im Kreis Gegensätze zusammen: Er bedeutet Offenheit und zugleich Ein- und Ausschluss. Er ist Leere und Fülle und er ist in seiner perfekten Gleichförmigkeit zugleich unendlich langweilig und gerade wegen seiner Einfachheit unendlich spannend.

Als ich im Februar 2017 mit dem Kreisekritzeln begann, war es zunächst eine kleine Nebenübung neben meiner Malerei mit der Eitempera. Das Kreisemalen fasziniert schon seit langem.

Zentral bei der aktuellen Kreis-Serie ist die widerstreitende und doch so harmonisch zusammengehende Verbindung der perfekten geometrischen Form des Kreises und der Kritzelei, dem Inbegriff des Form- und Bedeutungslosen. Besonders fesselt mich dabei das zwanglose Kippen von der Kritzelei zum Figurativen, bei dem ohne mein bewusstes Zutun immer wieder etwas Neues, Anderes entsteht, das auch ich erst während des Malprozesses selbst entdecke.

Und dann ist da auch noch die Freude am körperlichen Einsatz beim Malen und an der gestischen Spur. So hat das als Nebenübung begonnene Kreisekritzeln inzwischen auch Auswirkungen auf meine Eitemperamalerei, wie die 2017 entstandenen Bilder Wirbel, Kranz und Enso zeigen.

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